Die Natur ist das Göttliche…


Die Weltsicht der modernen Hexen und damit die Basis ihrer Religion und Philosophie zeichnet sich dadurch aus, die beobachtbaren und nachvollziehbaren Regeln von Urmutter Erde/Natur/Gaia als „weltbeherrschend” zu erkennen, anzunehmen und entsprechend zu handeln - also bewusst und im Einklang damit zu leben Bezeichnenderweise gibt es für die Wurzeln der Hexen Religion keine von anderen Kulturen unterscheidbaren Sonderformen. Überall auf der Welt gab es für uns Menschen ursprünglich (seit dem Paläolithium) eine „Urmutter“, eine Muttergöttin, die noch ohne „Starke Männer” an ihrer Seite oder gar über sich. Wie Mutter Natur/Erde immer wieder zeigte und zeigt, ist ihr Grundprinzip weiblich.

Die zentrale Rolle des Weiblichen - der Frau - zur Erneuerung des Lebens ist einfach unübersehbar. Die (eher bescheidene) Rolle des Mannes wurde von den Menschen erst im Laufe der Jungsteinzeit erkannt. Überhaupt z.B. ist Mutterschaft immer eindeutig zuordenbar, Vaterschaft hingegen erst seit der Möglichkeit zur DNA-Analyse. Einfacher gesagt: nur die Mutter weiß tatsächlich das dies ihr Kind ist, der Vater kann es nur vermuten.
Als sich die Menschen Gedanken um eine „Schöpfungsgeschichte” zu machen begannen, war es selbstverständlich, diese „Hauptrolle“ im Mythos nicht einem Mann anzuvertrauen, sondern einer Frau.

Mutter Erde wurde als die „Schöpferische“ beschrieben. Bevor es männlichen Wesen in der Mythologie langsam gelang, sich an die Seite der Urmuttergöttin heranzupirschen, und in ihrem Auftrag bestimmte Tätigkeiten zu übernehmen, hatte diese, die ursprünglich einzige Göttliche, über lange Zeit als Begleitung eine (weder männliche noch weibliche) Ur-Schlange, die - nach dem Vorbild der sich jährlich häutenden und ständig wachsenden irdischen Schlangen - als Symbol für zyklisches Wachstum, für Tod und Wiedergeburt galt. (Darin besteht auch der ursprüngliche Kern-Aspekt diverser Lindwürmer, Seeungeheuer und Paradies-Schlangen.)
Mit der Erkenntnis der Rolle des Mannes bei der Fortpflanzung kam es zur Verdrängung der bisherigen Begleiter der Urmütter. Die Schlangen fielen ihren neuen Konkurrenten nach und nach zum Opfer - wie z.B. der Lindwurm der kapadokischen Prinzessin Margareta schließlich dem Ritter Georg. Anstelle der ursprünglichen (auch von Urmutter Eva noch geübten) „Paarung” trat die Konstellation der Muttergöttin zu ihrem jeweiligen Heros und Sohngeliebten. Wobei die zentrale Mutter-Göttin als unsterblich, ewig jung und ewig fruchtbar gedacht wurde, ihr Heros und Sohn-Geliebter hingegen nur der ersetzbare (sterbliche) Teil der Verbindung war, sozusagen der Saisonarbeiter, dem gemäß dem Lauf der Natur schließlich die zyklische Ablöse durch beider Sohn widerfuhr.

Während sich die Rolle des männlichen Partners in dieser göttlichen Beziehungskiste zuerst allerdings kaum veränderte, differenzierte sich der dominante weibliche Part in der Mythologie unserer Ahnen mit der Zeit mehr und mehr. Zweitausend Jahre hatte sich die Vorstellung von dieser omnipotenten großen Urmutter bei den Kelten zu einer besonders differenzierten Göttinnen-Trinität- einer göttlichen Dreifaltigkeit - entwickelt.
Die Hauptaspekte des Dreifachen standen einerseits für Licht und Weisheit, für Fruchtbarkeit als Mittelpunkt und für Segen, Heil und Geborgenheit auf der anderen Seite. Am einen Ende war der Platz der Geburt des Lichtes, des Lebens und des Wissens. Die Leitfarbe war Weiß. Und als die keltische Frauentrinität in der Antike als „Drei Bethen“ (= Ewige) angesprochen angebetet!) und differenziert benannt wurde, war hier der Platz der Wilbeth, der Weißen und der Weisen. Sie verkörperte das Licht, die Weisheit und das Schicksal, das sie spann und daher auch voraussagen konnte.

Das göttliche Zentrum, den Zenit und Höhepunkt des ewigen Zyklus des Lebens bildete der Aspekt der Fruchtbarkeit, dargestellt mit der Farbe Rot. (Rot wie Blut, rot wie der Apfel des ewigen Lebens.) Es war zuletzt der Platz der keltischen Ambeth, und ihre zugeordneten Symbole waren die (spiralenartig dargestellte) Schlange des ewigen Lebens, die schon die Urmuttergöttin begleitet hatte und der „Kessel der Fülle und der Wiedergeburt“, der auch als Schüssel oder Kelch dargestellt sein konnte.
Auf der anderen Seite war schließlich der Platz für den Aspekt der Ruhe, des Heilens und der Geborgenheit, an dem Mutter Erde ihren dunklen, bergenden Schoß auftat. Es war der Platz der keltischen Beschützerin und Heilerin Borbeth, die garantierte, dass der Tod nur eine vorübergehende Angelegenheit war, und nach einem erholsamen und lustvollen Aufenthalt in der keltischen „Anderswelt” am Entgegengesetztem Ende die neuerliche, irdische Geburt winkte und ein neuer Kreislauf begann. Die Leitfarbe an dieser Stelle war Schwarz - wie die, der Ruhe und der Nacht.

Wie aber stand es damals um die maskulinen „Herrscher“: Die „Herren der Schöpfung“? Diese hatten im keltischen Mythos ursprünglich sehr untergeordnete Funktionen. Sogar später, als sich auch bei den Kelten das Patriarchat weitgehend durchgesetzt hatte, blieb der Göttinnenpart ausschließlich weiblich besetzt. Erst im kulturellen „Wettstreit” mit den weit chauvinistischeren” Griechen und Römern der Antike - und natürlich auch analog der eigenen gesellschaftlichen Entwicklung - werden die keltischen Heroen und Sohngeliebten der Muttergöttin, ihre temporären Liebhaber, Helfer und Stellvertreter, in „spätkeltischer” Zeit selbst zu „Göttern” hochstilisiert - immer noch an der Seite unabhängiger/unbesiegbarer/unbezähmbarer” Göttinnen, die sich als „Wilde Frauen, Hexen oder Zauberinnen” der unserer heimischen Sagenwelt bis in unsere Zeit „retten“ konnten.

Die Heroen unserer Ahnen, die mit dem Christentum entweder durch passende Ersatzheilige ausgetauscht oder zu einfältigen Riesen/Hühnen und alten „Greisen” degradiert wurden, feierten durch die Forschung diversen Keltologen” zwar fröhliche Auferstehung, doch leider weit entfernt von ihren spirituellen, keltischen Wurzeln. So wurde z.B. im späten 20. Jahrhundert unglaublicher Weise an Stelle der dominierenden Göttinnen-Trinität eine Götter-Trias neu propagiert, die plötzlich nach römischem Zeugnis aus den Herren Taranis, Teutates und Esus bestanden hätte. Neue Belege dazu glaubten diese, eigentlich nur Texte von Julius Cäsar, über Marcus Lucanus bis Jakob Grimm wiederkäuenden, „Experten” von anno dazumal, im berühmten Kessel von Gundestrup (Nationalmuseum Kopenhagen) und in der Schnabelkanne vom Halleiner Dürrnberg gefunden zu haben. Taranis (der Donnerer), ein, in keltischer Spätzeit an den Rand der Mythologie gedrängter, ehemaliger Licht- und Wetterheros, schaffte es ursprünglich weder, nach Zeusscher Art zu einem „richtigen” universellen Gott zu werden, noch hätte er als solcher etwas mit einem Teutates gemeinsam haben können, als Drittelpartner einer göttlichen Arbeitsteilung. Teutates war nämlich gar kein bestimmter Gott, ja nicht einmal ein namentlich bekannter Heros.

Hinter „Teutates“ steckt gar kein „richtiger” Name, sondern eine Art Berufstitel. Teutates war der Begriff für den jeweiligen Beschützer des Stammes und seiner Versammlungen. Und jeder „Stamm” hatte seinen eigenen Teutates, der neben diesem Titel noch einen speziellen Namen trug - oder auch keinen. Esus (Symboltier: Eber) war die Sommergestalt des (zumeist mit Hörnern oder Geweih dargestellten) Winterheros Cernunnos (Symboltier: Hirsch), des, von der Dreifachen Muttergöttin eingesetzten „Herrschers” bzw. Beschützers der keltischen Anderswelt und „Herr der (Wild-Tiere”. Dieser Doppel-Heros, der jedes Jahr zu Imbolc (1. Februar) durch eine, mit der Muttergöttin vollzogene „Heilige Hochzeit” (ritueller Coitus) vom „Cernunnos“ in den „Esus“ (vom Hirsch zum Eber) zurück verwandelt wurde, stand bei den Kelten nicht wirklich im Rang eines Gottes. Er war und blieb der klassische, saisonabhängige Heros und Sohngeliebte seiner Muttergöttin. Esus Wintergestalt, der fruchtbringende, gehörnte Seelen- und Tierschützer Cernunnos, wurde jedenfalls vom Christentum zum Anti-Gott und Teufel karikiert, und die von ihm „verwaltete” paradiesische Anderswelt, der Erholungsort der keltischen Seelen, geriet bei dieser Katholisierung zu ihrem Gegenteil, zur fürchterlichen Unterwelt der Toten. Dazu nahm man auch noch gleich den Begriff für die Göttin „Hel“ mit hinzu und schon hatte man die grausige Hölle erschaffen…

Im Einklang mit der Natur
Unsere Europäische Mythologie, in der Naturwesen, Götter und Menschen eng miteinander verbunden waren, wirkte unter Leitung der jeweiligen Priester, Schamanen, Seherinnen bis in den Alltag des gesellschaftlichen und religiösen Lebens hinein und manifestierte sich unter anderem in einem Jahreskreis von sonnen- und Mond bezogenen Festen. Über verschiedene Symbole verbanden sich Grundannahmen des religiösen, natürlichen und gesellschaftlichen Weltbildes mit dem rituellen und alltäglichen Leben der Menschen.

Die "Hexen Religion" findet ihre Basis in der Verbundenheit mit der Natur, als Teil des gesamten Natursystems. Es ist ein einfaches System das auf dem Gedanke aufbaut, dass es ein Verhalten „mit der Natur“ und ein Verhalten „gegen die Natur“ gibt. Dies verwundert nicht unter Berücksichtigung dessen, dass unsere Vorfahren von der Natur und deren Verlauf über das Jahr hin abhängig waren. Saat, Ernte und Winter bestimmten ihr Leben und ihr Überleben.
Die zentrale Rolle im Glaubensbild spielten Tod und Wiedergeburt. So baut beispielsweise, die keltische Religion auf dem Gedanke auf, das wir ständig zwischen dieser und der Anderswelt geboren werden. Stirbt man in dieser Welt, bedeutet dies, dass man in der Anderswelt wieder geboren wird. Hexen pflegen den Kontakt zur Anderswelt, sie sind im hier und jetzt tätig aber auch in den Ebenen der Anderswelt.

Matriarchate Religion
Religionen, so wie wir sie heute kennen, sind fast immer verbunden mit den männlichen Herrschaftsmustern.. Sie sind also ursprünglich spirituelle Bewegungen, die sich institutionalisiert haben und dadurch leider hierarchisch, zentralistisch geworden sind, vor allem Priesterkasten ausgebildet haben, welche allein die "eine wahre Lehre, den einen wahren Gott " besitzen und lehren.
Matriarchale Spiritualität, so wie zum Beispiel die " Ur-Religion der Großen Göttin" und so gesehen die gesamte Europäische Ur-Gesellschaft, kannte keine Institutionalisierung in diesem Sinne. Göttinnen Spiritualität wird in den alltäglichen Begegnungen mit den Wesen und Dingen, die alle die göttliche Kraft repräsentiert gelebt- und in großen Kultfesten, Jahresfesten, an denen das gesamte Volk beteiligt war. Alle waren sich dessen bewusst, worum es geht; niemand musste die Menschen das lehren. Wohl sind die spirituellen Volkstraditionen durchaus lokal verschieden, bezogen zum Beispiel auf ihre jeweilige natürliche Umgebung, auf Gebirge, Gewässer, Flora, Fauna, auf das Wetter , das Klima der jeweiligen Gegend. So wie auch die Namen der jeweiligen Göttinnen unterschiedlich sein konnten.

Das bedeutet eben, dass matriarchale Spiritualität gar keinen „Glauben“ beinhaltet. In den heutigen Großreligionen müssen Menschen immer „etwas“ oder besser „an etwas“ glauben. Aber formulieren wir dies doch einmal etwas provokant: Man muss nur dann etwas glauben, wenn man es nicht selbst sehen, prüfen, anfassen, wahrnehmen kann - nur dann wird Glauben verlangt. Und das Opfer des gesunden Menschenverstandes gleich noch mit dazu, weil in der Regel das, was es zu glauben gilt, eigentlich äußerst unglaubwürdig scheint. Ein transzendenter, omnipotenter, unfassbarer, gar nicht be-reifbarer Gott - an den kann man höchstens glauben. Verstehen kann man nichts davon.

In der Göttinnen Religion gibt es keine derartige Muttergöttin irgendwo am Himmel oder jenseits davon, oder weit über uns, sondern die gesamte Natur, der Kosmos und unsere Erde, ist die göttliche Kraft, die weiblich vorgestellt wird, weil sie ja Leben hervorbringt, quasi gebiert. Einschließlich ihrer vielen, konkreten Wesen, die männlich oder weiblich sind und alle zusammen die einzelnen Teil dieser göttlichen Kraft.

Das Göttliche lässt sie allen konkreten Wesen und Wesenheiten - Frauen, Männern, aber auch Winden, Steinen, Gewässern, Tieren, Pflanzen, Planeten und Sternen – erscheinen. Also ist die Göttin des Matriarchats zum Anfassen, zum Spüren und Begreifen. Man kann auf ihr herumlaufen. Wir gewinnen Nahrung von ihr. Wir haben selbst Teil an ihr. Jede menschliche Gestalt ist ein Teil von ihr; eine Göttin zum Erleben. Mit der Gesamtheit des Universums, der irdischen und kosmischen Erscheinung, im Einklang zu stehen, mit der Natur in Kommunikation zu treten, genauso wie auch die Menschen untereinander friedlich kommunizieren sollten, immer und immer wieder dieses „Ganze“ der kosmischen Ereignisse in sich zu tragen - das wäre die harmonische, ideale Haltung. Sie setzt keinerlei Glauben voraus, benötigt keine Dogmen, keine starren Lehren, keine Priesterklassen - weil es ja im Grunde jede Person für sich selbst erleben kann und sollte.
Matriarchale Spiritualität ist höchst widerspenstig gegen Ideologien, weil sie bei den konkreten zwischenmenschlichen Dingen und Naturgegebenheiten verharrt. Sie erfindet nicht irgendwelche absurde Theorien, welche die Menschen einfach nur beeinflussen sollen, sondern bleibt bei den lebensfreundlichen, lebensnahen Kräften und Beziehungen.

Sie bildet nur in anthropomorphen Darstellungen eine Gesellschaft ab, die im Ausgleich - zwischenmenschlich und mit der Natur - steht. So kann man anhand der Göttinnen Spiritualität und ihrer bildlichen Äußerungen sehr viel Wahrhaftiges über diese Gesellschaften erfahren. Während die meisten patriarchalen Ideologien ja leider immer wieder etwas anderes behaupten, als sich in ihrer leidvollen Herrschaftsrealität tatsächlich ereignet.