Samhain Wanderung:
Samhain und wieder wandere ich….
Am frühen morgen zieht es mich raus. Kalt ist es und der Herbst hat Einzug gehalten. Marbon ist lange vorbei, die Zeit neigt sich nun Samhain zu. Der Ostwind wirbelt die Blätter vor meine Füße. Die Bäume sind bunt und die ersten Strahlen der schon nicht mehr so warmen Sonne, versuchen durch die Nebel zu dringen. Blätter Haufen türmen sich am Straßenrand und auf den Wiesen liegt schon eine kleine weiße Frostschicht. Heute früh müht sich die Sonne vergebens, Nebelschwaden wabern wie Wolken, überall. Sobald ich einen Fuß vor die Türe setzte, umhüllen sie mich. Ich mag das, ich habe das Gefühl, das der Nebel alles um mich herum aufzunehmen scheint. Keine Autogeräusche, keine Stadtgeräusche mehr. Leider nicht lang , denn schon rast das erste Auto an mit vorbei und zeigt mir verblüffend ernst, wie real das alles doch ist. Ich wende mich ab und steige unsere Treppe hinunter zum Bach, der mich zum Wald führt. Hier unten hängt der Nebel dichter, kringelt sich über den Bachlauf, als wolle er das Wasser in sich aufnehmen. Raureif liegt auf den Wiesen und Blättern. Dunkle Gestalten kommen auf mich zu und ein kleines "wuscheliges etwas" streicht mir um die Beine. Der ein oder andere Mensch mit seinem Hund begegnet mir hier noch. Am Bach entlang wird es schon kalt, ich fühle dass die Dunkle Jahreszeit nun schon sehr nahe rückt. Noch eine Woche bis Samhain!
Ein wenig Zweifele ich, ob ich meinen Weg weiter gehen soll und ob ich dort oben an meinem so geliebten Platz jetzt in dieser Zeit überhaupt erwünscht bin. Schließlich ist es ja eine Grabstätte, die Jahrtausende Alt ist. Rege kann ich mich erinnert, als ich vor einigen Jahren dort war. Damals war die Zeit genauso vorgeschritten, wie jetzt. Ich war kurz dort und habe sofort gemerkt, dass mich die Geister dort oben nicht wollten. Ich habe damals meine Gaben dort gelassen und bin wieder gegangen. Ich war sehr enttäuscht und hoffte, dass sich dieses Gefühl, nicht erwünscht zu sein, wieder geben würde, wenn ich mich nicht aufdränge. Es war dann auch so. Ich wurde zu Jul wieder freundlich begrüßt . Kein Gefühl mehr von Unwohlsein. Danach bin ich nie wieder um die Zeit der Ahnen dort oben gewesen..
Bis jetzt.
Während meines Weges zum Wald fangen die Zweifel wieder an. Soll ich es wirklich nochmals versuchen?
Jetzt zu Samhain? Warum aber sonst, haben sie mich gerufen?
Stetig gehe ich weiter. Der Abstand zwischen Bach und Weg wird größer. Hier fuhren in früherer Zeit Kutschen und allerlei Wagen um die Kohle, die am heutigen Waldeingang gefördert wurde, abzutransportieren. Deutlich kann ich den Riss in der Erde spüren, den die Menschen ihr angetan haben. Ich sehe im Nebel die vielen Arbeiter und meine den Schlamm unter meinen Füßen wahrzunehmen, den Wald gab es damals nicht.
Bedingungslos hatten die Bäume, der Kohle weichen müssen….
Nochmals muss ich nun eine Strasse überqueren und besonders aufpassen, weil alles weiß und schlecht einzuschätzen ist.Im Wald bleibe ich kurz stehen. Drehe mich um und sehe nichts mehr von der Straße. Hinter mir eine weiße Wand, eine Wolke aus Nebel, die alle Zivilisation schluckt! Der ehemalige Eingang der Zeche liegt neben mir. Zugeschüttet und vergessen. Heute ist dort ein Kriegerdenkmal. Wie passend, denke ich. Krieg der Männer gegen die Natur und Krieg gegen sich selbst. Ich wandere weiter in den Wald hinein. Die Baumkronen schaukeln im Wind, der an ihnen Rüttelt, damit sie auch ihre letzte Blätterpracht fallen lassen. Das Rascheln hört sich an, als singen die Bäume ein Lied von vergangenen warmen Stunden, bevor sie schlafen gehen. Da und dort ist ein kleiner Hauch von Sonnenstrahl zwischen den Bäumen zu sehen. Dies taucht das Ganze in ein seltsames grau- weißes Licht.
Ruhig liegt er da
Der Wald
angstvolle Nebelschwaden
und doch so ur vertraut
Wild und unbändig
Aber doch nah und wirklich
Greifbar aber dennoch wieder nicht
Er hüllt mich ein…
Genauso kann es auf der anderen Seite sein, denke ich. Denn immer wenn meine Anrufung der Elemente, besondern kraftvoll ist, dann sehe ich meine Umgebung so ähnlich wie jetzt, hier im Nebel. Dann weiß ich, ich habe meinen Kreis gezogen und bin zwischen den Welten, reite auf dem Zaun, wie schon viele Frauen und Männer vor mir!
Genauso fühle ich mich nun, alles schein ein wenig unwirklich. Ich gehe meinen Weg, den ich mittlerweile sehr gut zu kennen glaube. Dennoch sieht in diesem Zwielicht von Sonne und Nebel alles anders aus.
Hockt da nicht ein Zwerg auf dem Baumstumpf vor mir?
Schaut mich dort ein Baumgeist aus seinem Versteck verwirrt an?
Bewegt sich dort nicht etwas im Unterholz?
Ich biege um eine Ecke und stehe nun genau auf einer Kreuzung der Waldwege. Diese Kreuzung ist mir völlig unbekannt, ich habe bisher noch nie bemerkt, das hier eine Wegkreuzung ist. Ein wenig verblüfft bleibe ich einen Moment stehen und will mich orientieren. Und prompt raschelt es wieder im Unterholz. Ich drehe mich nicht um, sehe schräg hinter mir einen großen Schatten der da regungslos zu stehen scheint.
Meiner Inneren Stimme folgend, greife ich in meinem Rucksack, lege Nüsse, mitgenommene Äpfel und ein kleinen Haufen Kekse heraus. Lege sie langsam vor meine Füße. Genau in die Mitte des Kreuzweges, wo ich stehe. Dann nehme ich meinen Stab und ziehe ein Pentagramm um die Gaben auf dem Boden. Ich trete ein paar Schritte zurück und erschrecke. Eiskalt läuft es mir den Rücken hinab, der Schatten dort bewegt sich! Keine Täuschung oder ein Bildnis, das ist für mich in diesem Moment greifbar und wirklich. Langsam aber unaufhörlich bewegt er sich auf mich zu. Ich möchte mich umdrehen und rennen, aber tief in mir ist eine Stimme die sagt: bewege Dich nicht! Ich bleibe wie erstarrt stehen und langsam erkenne ich den Schatten vor mir.
Ein Reh! Es kommt auf mich zu! Ganz langsam nähert es sich den Dingen, die ich in die Mitte des Weges gelegt habe. Es schnuppert erst vorsichtig daran und dann frist es gierig. Ich stehe dort und staune. Vergesse meine Angst und alles andere um mich herum. Eine große Erfurcht erfasst mich. Wie ein kleines Wunder kommt es mir vor, das ich hier im Wald ein Reh sehe und auch noch so nah vor mir. Ein Zeichen der Götter! Als ich es so ansehe blickt es plötzlich auf und sieht mir in die Augen.
Eine Stimme spricht zu mir: „Lass Dich nicht von Deinem Weg abbringen, auch wenn Du noch viele solcher Kreuzungen überqueren musst. Gehe weiter dorthin wo Du hin sollst.
Du bist frei, zu tun was Du willst. Die Göttin ist mir Dir“
Einen Augenblick und das Reh trabt davon. Ich stehe noch einen Moment fasziniert und bewegungslos da. Dann flüstert mir ein kalter Windhauch in mein Ohr, das ich weiter muss, bevor ich festfriere. Ganz gebannt von diesem Erlebnis gehe ich weiter und genieße die Stille und den Nebel um mich herum. Den vielen Zwergen auf den Baumstümpfen winke ich zu und den Geisterarmen, die nach mir zu greifen scheinen, schenke ich ein Lächeln. Der Anstieg ist steil aber schon bald erreiche ich die Anhöhe des Berges. Im Nebel gibt der Berg seine Geheimnisse mir preis, aber nur im Nebel und nur in dieser Jahreszeit! Seit diesem Erlebnis weiß ich viel über den Berg. Im Nebel tauchen Ringwälle auf und Hügelgräber, die sonst nie zu sehen sind. Steinsetzungen werden sichtbar. Ein Heiliger Ort, ein kraftvoller Ort.
Ich sehe Menschen wandeln
Dicht hintereinander die Köpfe mit Misteln bedeckt
Weiß sind sie, weiß wie der Nebel um mich herum leise dringt ihr summen an mein Ohr
Alte Frauen tragen Körbe vor sich her
Junge Mädchen in ihrer Mitte bedeckt mit weißen Schleiern.
Mütter mit Säuglingen auf ihrem Rücken folgen leise summend.
Dort hoch oben am Berg stehen die Männer
Erwartungsvoll, weise und erhaben.
Dann dringt ein Sonnstrahl durch die Nebelschwaden und noch einer und noch einer!
Als ich an dem Hügelgrab, welches ich immer wieder besuche, ankomme, liegt der ganze Berg in der Sonne. Wohlig warm wird es umher und ich fühle mich gut. Ich lege meine Sachen ab, entzünde die mitgebrachten Räucherungen und rufe die Himmelsrichtungen an, wie ich es schon so oft getan habe. Als ich ende, ertönt der Schrei des Bussards genau über mir.
Ich bin willkommen! Endlich! Nun auch in der dunkle Jahreszeit, hier an meinem Kraftort!
Fazit:
Ich bin weiter gegangen, habe meinen Weg gefunden und stehe dennoch immer wieder an Kreuzungen die das Leben schreibt. Ich habe mich mit meiner dunklen Seite befasst und mit meiner Kraft, die tief in jedem Menschen wohnt. Habe viel akzeptiert und viel erarbeiten müssen. Nun bin ich auch in der Zeit der Toten dort oben willkommen, weil auch der Tod ein Teil von jedem ist. Wir alle sterben immer ein klein wenig, wenn wir uns verändern. Auch wenn wir Menschen oder Dinge loslassen (müssen). Wir durchleben so immer mal wieder, den kleinen Tod.
Alte Dinge loslassen und weitergehen gehört seit jeher zum Leben der Hagazussa.
Und nach einer Dunklen Zeit kommt immer wieder das Licht das uns alle führt.