Die Reise zur Traurigkeit

Nach langer Winterzeit wird es langsam wieder wärmer. Nach Ostara kann ich es kaum erwarten, wieder einmal meinen Wald zu besuchen, mich in der Erde zu versenken und Kraft zu tanken. Endlich wieder dem Erdboden nahe sein! Sitzend Kontakt mit dem Lebendigen aufnehmen zu können! Die Sonnenstrahlen wärmen nun schon meine Haut und der Bussard, mein Totemtier, ruft immer eindringlicher mich zu sich in den Wald.
So packe ich meine Sachen und wandere zu meinem Lieblingsplatz im nahe gelegenen Wald. Sicher, man könnte mit dem Auto dorthin fahren, zumindest bis zum Waldrand, aber Hexe weis: Der Weg ist das Ziel. Zu viel ist mir auf dem Wege dorthin schon passiert, so dass ich diesen nicht missen will. So beginnt der Gang erneut…
Kaum biege ich in den Wald ein, da begrüßt mich inniglich ein Rotkehlchen. Es fliegt vor mir her und scheint mir eine Botschaft bringen zu wollen. „ Aber nein, „ höre ich mich sagen“ den, den Du suchst, der ist heute nicht hier“ das Rotkehlchen ist ein Krafttier eines lieben Freundes, den ich mit seiner Frau im Zuge meines Wirkens als Hexe kennen lernen durfte.
Wir fanden uns auf Anhieb sehr sympathisch und so ist aus der Zusammenarbeit auch Freundschaft geworden. Manchmal kommen sie mit in den Wald und ich freue mich, meinen Platz mit ihnen teilen zu können.
Der Gesang des Rotkehlchens war also nicht für mich. So, als ob es mich verstanden hätte, erhebt es sich und fliegt davon. Ich lache, eher über mich selbst und über den Gedanken, dass jemand mich hätte sehen können, wie ich mit einem Rotkehlchen kommuniziere. Nicht das es mir etwas ausmachen würde, bin ich es doch schon gewohnt, das manch einer kopfschüttelnd an mir vorbeigeht. Dennoch denke ich über den Kurzbesuch des Rotkehlchens nach und bin eine Weile mit der Frage beschäftigt, warum die Götter bestimmte Menschen zu einer bestimmten Zeit schicken und was genau uns so sehr verbindet. Und warum mir es nichts ausmacht meinen Kraftplatz mit jemandem zu teilen.
So wandere ich weiter. Am frühen morgen ist da und dort ein Mensch zusehen. Noch ist nicht alles grün und das Laub an den Bäumen muss man noch suchen. Da und Dort blinzeln mich Schneeglöckchen an und ein paar Krokusse schauen aus dem Waldboden hervor. Die Blätter rascheln unter meinen Füßen, hier ist immer Laub da, im Sommer wie im Winter. Der Holunder hat schon Knospen und auch die Erle steht bereit. Wunderbarer Frühling!

Gedanken versunken ziehe ich weiter, fühle mich aber dann plötzlich unwohl, beobachtet und habe das Gefühl, jemandes Blick würde sich in meinen Rücken bohren. Wirklich unangenehm!
Wie aus einem Reflex drehe ich mich um, sehe erst einmal nichts. Doch eine ganze Strecke hinter mir geht ein Mann, ganz in schwarz gekleidet mit einem großen, sehr großen, zotteligen Hund. Kurz bleibe ich stehen.
Unheimlich ist er mir und ich gehe nun unwillkürlich schneller. Der Abstand zwischen uns bleibt gleich groß und irgendwie komme ich mir auch lächerlich vor. Es ist das erste Mal, das ich meinen Stock und meinen Dolch vermisse, habe ich beide doch zu Hause gelassen.

Vor der Anhöhe zu meinem Platz bleibe ich wieder kurz stehen und drehe mich um, sehe den Hund um die Ecke biegen. Nun gehe ich schneller und schneller den steilen Berg hoch, drehe mich nicht mehr um. Jeden Atemzug ein und ausatmend steige ich den Berg hoch. Oben angekommen, biege ich in den Trampelpfad zu meinem Kraftplatz ein und verweile. Er ist nicht mehr da, nicht mehr zu sehen! Und ich habe auf einmal das Gefühl ein Hammer trifft mich. Mir wird schwindelig. Ich bin nicht gerade sportlich, habe mich auf dem Berg völlig verausgabt und schnappe nach Luft wie ein Kettenraucher oder eher wie eine Dampflok. Ein Baum hält mich fest an dem ich einen Momentlang nach Luft ringe.

Ohne diesmal um Einlass zu bitten, stürze ich auf meinen Platz zu, lasse mich fallen. Ja, Fallen lassen!
Mein Rucksack liegt auf der Erde und mir laufen die Tränen nur so über mein Gesicht. Tränen! Ströme von Tränen! Dazu gesellen sich Trauer und Wut. Wo kommt das auf einmal her?! Keine Zeit meine Mitgebrachten Räucherutensilien und Steine aufzubauen. Ja, denke ich sarkastisch, kommt nur ihr Gefühle, ich bin wohl gerade dabei auszuflippen! Aber dann reiße mich doch zusammen und schaue auf, mein Herz klopft wie verrückt. Und dann sehe ich: dort zwischen den Bäumen, eine ganze Strecke von mir weck steht jemand!

Sofort weis ich, dass dies eine Gestalt des Waldes ist. Er ist groß, trägt einen Umhang in Grün-Braun mit Pelzbesatz, es sieht aus, als hätte er seine Kapuze tief in sein Gesicht gezogen. Ich starre ihn an, dann frage ich ihn zwischen meinen ganzen Tränen strömen hindurch: „Wer bist Du? „ Und muss nicht warten. Nein! Mit wildem Geschrei fliegen Raben über mich hin weck und kreisen noch einmal, bis sie im Nirgendwo verschwinden. Stille! Dann eine Stimme in mir:“ Ich bin Wodan!“ Erfurcht erfasst mich. Und wundere mich, dass ich keine Angst habe, nur so etwas wie ein „heiliges Gefühl“ zwischen all diesen Tränen. Wo zum Teufel kommt diese Trauer her?! Frage ich mich erneut.
Die Tränen tropfen immer noch auf den Waldboden und mit schniefender Nase frage ich mich wieder, warum ich mich so verzweifelt fühle. Da sehe ich Ihn an und erkenne ihn. Er hat seinen Hut ins Gesicht gezogen, trägt einen Stab in der Rechten Hand. Sein Umhang ist seitlich geschlossen und das Fell ist deutlich zu erkennen. Seine Stimme ertönt in meinem Kopf:“ Ich bin Wodan, Dein Schatten und die Dunkelheit. „

Da begreife ich, dass meine Tränen nicht die meinen sind, sondern zu einer Person gehören, die ich mal war. Lange nicht geweinte Tränen, reinigende Tränen. Verabschiedende Tränen!
Tiefe Erkenntnis überrollt mich, hüllt mich ein. -Ich sehe den Wald mit den Augen einer anderen, fühle Sekunden lang einen unbeschreibbaren Schmerz. Alles ist so voll Trauer. Was tun die Menschen Dir an?! Warum bin ich hier? Ich will Ruhe und stille, weck von allen! –

Und immer wieder frage ich ihn: „Warum schickst Du mir diese Trauer? Das ist nicht meine Trauer! NICHT MEINE TRAURIGKEIT!“ Ich wiederhole diesen Satz immer wieder und warte auf Wodans Antwort.

Dann, so überwältigend, wie die Gefühle gekommen sind, schweben sie davon. Ich kann ihnen förmlich nachsehen, wie sie wie ein Nebel lichter werden und sich auflösen. Und alles wird deutlicher. Wodan steht nur da, an den Baum gelehnt und wartet.
Tränen und Trauer einer Frau, die ich nicht bin, die es mal gab, lange vor mir. Ihr altes Wissen ist meines. Wir sind eins und doch wieder nicht. Ich will Wodan fragen, warum sie so traurig war, aber er steht nur da, rührt sich nicht. Dann endlich eine Antwort:
„ Manche Dinge sind es Wert er-fahren zu werden.
Manche Dinge sind es nicht Wert er-fragt zu werden.
Dann sind da die Dinge, die es Wert sind, ihren eigenen Weg zu gehen.“

Ich starre ihn an und weis tief in mir, das er nun nicht mehr antwortet, wenn ich weiter frage.
Der Zauber scheint aufgelöst und unsere Kommunikation beendet.
Dann ertönt ein Schrei – so voll Kraft und Innbrunst und auch so bekannt. Die Bussarde sind da und sie kreisen direkt über mir. Ich starre nach oben und schicke meinen Herzensgruß zu ihnen hinauf. Der Bann ist gebrochen und nun packe ich meine Tasche aus, fange an zu räuchern. Diesmal nur für Ihn, obwohl er mir nur Wut und Trauer schickte. Ich nicke ihm zu, der immer noch zwischen den Bäumen steht, wie ein Wächter. Ich überlege warum diese Trauer und komme zu der Erkenntnis: nur wenn man um etwas trauert und es verabschieden kann, hat alles Neue Raum und Platz, kann ungehindert wachsen. Lange, lange steht er noch dort. Zwischen den Bäumen im Unterholz und schaut mir zu.
Kurz, bevor ich nach hause aufbreche, weis ich plötzlich, das dies ein Ende und ein Anfang zugleich war- ein neuer Zyklus beginnt für mich, neue Aufgaben warten auf mich und neue Einsichten.
Und Menschen um die die Frau von damals so getrauert hat, sind wieder da um sie zu begrüßen…sie winkt mir zu und verschwindet wie ein Geist neben Wodan in den Wäldern.
Es ist Frühling und Wodan begleitet mich noch eine Weile und ich weis, es gibt Dinge, die man nicht hinerfragen sollte…