Familiengeschichte eines Räuberlebens:
Eine nette Journalistin sprach mich im Jahre 2004 an, suchte kurioses und interessantes für ihre Pressemappe der 2006 stattfindenden WM hier in Dortmund. Eine Hexe in Dortmund mit eigenem Laden. Das war ja schon Interessant. Eine Hexe mit Hang zu Mystischen Orten, war noch spannender, aber eine Hexe mit einem Räuber als Vorfahren, war fast nicht mehr zu glauben!
Ja, ich habe Räuberblut in den Adern. Bei meinem Gespräch mit der Reporterin fiel mir auf, wie wenig ich mich bis dato um diesen Teil meiner Familien Geschichte gekümmert hatte. Mein Ur-Ur Großvater war der Robin Hood von Dortmund, so wurde er in den Erzählungen meiner Verwandten immer genannt.
In Erinnerung an ihn, gebe ich nun diese Familien Geschichten weiter….
Dolf Mohr lebte in der Zeit in der Essen und Kleidung nicht alltäglich ist und die Menschen froh waren, wenn der Winter vorüber ging. Es war die Zeit hoher Kindersterblichkeit und um 1845- 1850 stand man an der Grenze zur Industrialisierung. Die Eisenbahn hielt überall Einzug und der Bergbau blüte. Es war ein hartes und entbehrungsreiches Leben der Leute, der Bauern und Arbeiter damals. Dolf Mohr scheint immer schon Schwiegirkeiten gehabt zu haben, sich anzupassen, so flog er aus der damaligen Armee, wurde sozusagen "unehrenhaft" entlassen. Weites ist mir nicht bekannt. In den spätern nachweisbaren Jahren war er Fuhrmann von Beruf, wann und wie er seine Frau kennen gelernt hat, ist mir unbekannt.
Folgende Geschichten sind aber in unserer Familie erhalten geblieben, die es ähnlich nacherzählt auch in Buchform gibt:
Die Familie Mohrs hatte keine Kartoffeln mehr, sie waren ihnen unten den Händen verfault und Kartoffeln waren das Brot des kleinen Mannes. Keine Kartoffeln zu haben, hieß zu hungern. Wie sollen sie nun ihre Kinder ernähren?!
Aber Mohr konnte sich helfen. Er wusste genau, wer in seiner Nähe mehr Kartoffeln hatte, als nötig, er war schließlich Fuhrmann .So schlich er eines Nachts in den Keller eines reichen Gutsbesitzers und stahl einen Sack Kartoffeln. Am nächsten Tage stand aber schon der Gandarm vor Mohrs Türe. Warum er ausgerechnet Mohr in Verdacht hatte und auch noch in Mohrs Haus durfte wo der den Sack fand, das weiß ich nicht und es erklährt sich nur so, das Mohr schon vorher keine weiße Weste besessen haben muste. Mohr war schon vorher irgendwie aufgefallen, wer weiß..
Kurzum, er wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Wahrscheinlich das erste mal. Vielleicht waren seine Delikte vorher zu klein gewesen. Er hatte aber die Möglichkeit, sich mit seinem Freund in der Nacht zu besprechen, angeblich durchs Gefängnisfenster, und so konnte er bei Gericht behaupten, die Kartoffeln hätte er von diesem geschenkt bekommen. Dieser Helfershelfer bestätigte die Aussage und so kam Mohr wieder frei, da ihm nichts nachzuweisen war. Mohr tat ansonsten immer viel für die Leute seiner Nachbarschaft. Auf den Großbauern Wilmsmann hatte er es besonders abgesehen, mal spielte er ihm üble Streiche, mal erleichterte er ihn unbeobachtet um einen Schinken oder ein Schwein. Übrigens gibt es diesen bei uns immer noch. Mohrs Meinung nach hatte Wilmsmann genügend Geld und Vieh. So erleichterte er ihn immer mal wieder in unregelmäßig oder schloss Wetten mit ihm ab. Die Lebensmittel verteilte er aber immer unter seiner Nachbarschaft, vor Wilmsmanns Nase, sozusagen, es muss ihm wohl einen ungeheuren Spaß bereitet haben. Und nie lies sich nachweisen, das Mohr es war.
Später bietet Mohr den Großbauern an, ihre Stalltüren offen zu lassen, dann würde nichts mehr gestohlen. So war es dann unglaublicherweise auch. Sobald ein Großbesitzer mit den ärmeren Menschen teilte, wurde er nicht mehr bestohlen. Mohr liebte Kuriose, witzige Wetten. So wettete er zum Beispiel, in der Gastwirtschaft mit einem Bauern, dass er unter seinen Augen eine Kuh aus dem Stall holen würde. Trotz der Nächtlichen Wache der Bauern Burschen, hatte Mohr Erfolg und der Bauer musst ihm die Kuh als Wetteinsatz überlassen. Oder Mohr wettete um Geld. Aber nie soweit, das es demjenigen wirklich schadete, schließlich war er mit den Bauern der Umgebung irgentwie dann doch befreundet. Es scheint, als ob niemand ihm lange böse war.
Irgendwann kamen dann auch die Leute zu ihm, wenn sie Probleme oder Geldnot hatten. Auf die Adeligen und nicht ganz ehrlichen Händler hat es der Räuber besonders abgesehen. Überliefert ist eine Geschichte einer allein stehenden Frau die sich eine Kuh gekauft hatte, diese aber nicht auf einmal bezahlen konnte. Eine Ratenzahlung hatte sie schon geleistet die nächste konnte sie aber nicht mehr leisten. Sie die Kuh als Milchvieh erworben, diese aber seither nicht einen Tropfen Milch gab, konnte sie den Restbetrag nicht aufbringen. Mohr sagte, er würde ihr Geld für die Kuh leihen, aber Wert war die Kuh es nicht, da hatte der Vieh Händler die Gute Frau wohl übers Ohr gehauen! So bezahlte sie den verdutzten Verkäufer, der schon damit gerechnet hatte, das Tier wieder mitzunehmen und ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Als dieser Händler dann auf seinem Rückweg den Schwerter Wald durchquerte, denn er musste Richtung Schwerte nach Hause, so wartete der Mohr schon auf ihn. Den „Wegezoll“ den der Vieh Händler nun entrichten musste, um heile durch den Wald zu kommen, war genauso viel, wie die Frau für die Kuh bezahlt hatte. So kam Mohr dann heim, sagte ihr, sie brauchte ihm kein Geld mehr zurückzahlen, denn er hätte sein Geld schon. So hatte Mohr sein Geld und die Frau eine Kuh.
Und so ging es nun ständig, immer wenn die Leute gepfändet wurden, so wandten sie sich an Mohr. Schon bald traute sich keiner mehr so recht durch den Schwerter Wald. Auch erzählt man sich, Mohr sei mit seinen Kumpanen in die verschiedensten Rittergüter in der Nähe eingebrochen. Unter anderem Haus Villigst, Haus Rodenberg und weitere.Er nimmt aber immer nur Brote, Butter, Wein und Fleisch aus den Vorratsräumen mit. Aber manch eine Kutsche, die durch den Schwerter Wald fährt und von den Großen Gutshäusern kommt, wird von ihm und seinen Helfern überfallen. Da er Fuhrmann war, wurde er des öfteren angeheuert um Lebensmittel für Feiern zu den Gutshäusern und Schlössern zu bringen außerdem scheint er über viele Informanten oder gute Kontakte verfügt zu haben. Meist hat Mohr Geduld, wartet bis die Kutsche im Wald halten muss, weil mal wieder jemand, der zu viel getrunken oder gegessen hat, aussteigen muss um sich zu erleichtern. Das nutzt Mohr aus. Was muss er gefühlt haben, wenn er sah, das die Adeligen die Nahrung so in sich hineinstopften und verprassten und daheim hungerten die Leute, starb das Vieh und was schlimmer war, die Kinder! Meistens nahm er gleich die ganze Kutsche, und ließ die entkleideten Adeligen (auch Stoff konnte man gut gebrauchen) allein mitten im Schwerter Wald stehen. Er muss daran sicherlich mächtig Spaß gehabt haben! Irgendwann hatten sie mal wieder den Bauer Wilmsmann auf den Kieker und so brach Mohr in seine Scheune ein und entwendete das Saatgut und den frisch geräucherten Schinken. Einige Zeit später traf er aber den Großbauern der ganz schlecht aussah und Mohr sein Leid klagte, das , wenn er kein Saatgut mehr hat, der Hunger sicherlich auch ihn heimsuchen würde, schließlich könne er nichts säen , geschweige denn ernten. Da wusste Mohr, dass er einen Fehler begangen hatte und gleich in der nächsten Nacht, war das Saatgut wieder an Ort und Stelle.
Der Schinken aber blieb verschwunden. Irgendwann in den Jahren wird Mohr dann „offiziell“ , das heißt mit Steckbrief gesucht. Er wurde auch einmal wirklich gefangen, verurteilt und eingesperrt. Da seine Frau und seine Kinder aber nun allein waren und er sich Sorgen macht, bricht er aus. So lebt er ab da auf der Flucht. Nie weit von seiner Familie aber dennoch unerkannt meist in den Wäldern. Er verkleidet sich, mal sogar als Polizist mal als Bauer oder Bahnangestellter. Sogar in Frauenkleider soll man ihn schon gesehen haben. Eine Höhle im Wald dient ihm als Versteck und Schlafplatz. Immer wieder macht er sich einen Scherz mit den Leuten. Er scheint seine Situation, das Vogelfreie, zu genießen. Eine Geschichte ist von mehreren Bäuerinnen überliefert, die in Schwerte einkaufen waren und nun im halbdunkeln vor dem Schwerter Wald stehen und sich nicht recht trauen. Da geht an ihnen ein Bahnbeamter (in Uniform) vorbei und die Frauen fragen, ob er sie begleitet. Der Mann bejaht und bringt die Frauen sicher durch den Schwerter Wald zurück nach Berghofen. Dann fragt er, warum sie dann solche Furcht haben und die Frauen antworten, ob er denn nicht wisse, der Räuber Mohr würde hier sein Unwesen treiben. Der Bahnbeamte lacht nur und sagt zu ihnen: Sag den Leuten, die das erzählen einen schönen Gruß vom Mohr! Er hat Euch durch den Wald geleitet und es ist Euch nichts passiert. Ich tue weder Frau noch Kind ein Leid! Und weck ist er. Eine ähnliche Geschichte gibt es mit einem Fuhrmann: Mohr fragt einem Bauern in Schwerte, ob er mitfahren könne und dieser bejahrt. Der Fuhrmann will einen Bogen um den Wald fahren, da fragt Mohr, warum er solch einen Umweg machen wolle und der Fuhrmann erzählt, dass er Angst vor einem Überfall habe. Da sagt ihm Mohr, sie wären doch zu zweit und er solle ruhig den kurzen Weg durch den Wald nehmen. Das wird nach einiger Diskussion auch gemacht. Als Mohr dann in Herdecke absteigt, sagt er zum Fuhrmann: Mann, jetzt kannst Du wohl mit Stolz behaupten, der Räuber Mohr wäre mit Dir gefahren und Dir ist nichts passiert!
Alles in allem ist Mohr sehr beliebt und wird von den kleinen Leuten so geschützt wie möglich. Niemand hilft der Polizei, teilt doch Mohr weiterhin seine Lebensmittel aus. Wenn eine Familie mal wieder einen Sack Kartoffeln, einen Korb Eier oder einen Schinken in ihrem Keller findet oder am morgen in der Tenne, so heißt es gleich: Der Räuberhauptmann war da! So kann Mohr sich einigermaßen sicher fühlen und ab und an sogar ungesehen in einer der Gastwirtschaften einkehren. Da es zur damaligen Zeit für Berghofen, Höchsten und Sommerberg nur einen Polizisten gibt, fühlt sich Mohr sehr sicher.
Aber es endet, wie viele Dinge im Leben: Tragisch:
Warum an diesem Tage in der Gastwirtschaft ein Polizist den verkleideten Mohr entdeckt, ist unklar. Vielleicht hatte jemand ihn verraten, es war ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Mohr flüchtet sich mit einem Sprung durch das offene Fenster nach draußen und will sich durch ein Loch in der Hecke aus dem vermeintlichen Hinterhalt befreien. Dahinter beginnt sofort der Wald! Aber er wird in den Rücken getroffen und stirb wenige Augenblicke später. Der Dorfpolizist ist verzweifelt, wollte er dem Mohr doch nur in die Beine schießen, das beteuerte er immer wider. Aber da Mohr sich in dem Augenblick des Schusses zum Loch in der Hecke bückt, trifft er ihn genau in den Rücken.
Meine Uroma erzählte mir noch, Mohr wäre mit letzter Kraft zu seinem Haus geflüchtet und dort in den Armen seiner Frau gestorben. Er starb 1851. Mohr ist nur 36 Jahre alt geworden. Der Dorfpolizist musste seine Stellung wechseln. Er bekam Drohungen. Mörder wurde er geschimpft und seine Familie war bei niemandem mehr willkommen. Bis zu seinem Tod beteuerte er, er habe den Mohr nicht töten wollen. Er zerbrach letztendlich daran. Dolf Mohrs Helfershelfer werden nach und nach alle verhaftet. Sie bekommen lange Gefängnisstrafen. Wer aber in der Nacht vom 25 auf den 26 September 1851 bei Mohrs Widersacher, dem Gutsbesitzer Overweg die Vorratsräume vollständig ausräumt, bleibt ein Geheimnis!
Ich denke, das ich weis wer es war, ihr auch??!
Ungeklährt ist für mich auch folgendes: Meine Uroma meinte, das Mohr eigentlich Adolf von Mohr geheißen hatte, welches sich dann auch mit dem "unehrenhaften" Entlassen aus der Armee erklähren lässt. Auch seine Verbindungen zum Adel könnten sich so erklähren lassen...Ein verstoßener Blaublüter, der sich letztendlich rächt, um den Leuten in seiner Umgebung zu helfen?? Woher kam er? Weiter konnten wir nicht forschen- Woher hatte er sein kleines Vermögen, er konnte ein Fuhrunternehmen aufbauen, hatte auf dem Höchsten ein Haus und seine Töchter hatten später alle samt ein kleines Erbe...
Alles in allem ein Filmreifer Sagen und Erzählstoff, finde ich...
Weiteres über Dolf Mohr erfahrt ihr in der Dortmunder Geschichtswerkstatt
Meine Abstammung:
Dolf Mohr und seine Frau (?Name unbekannt??) haben fünf Kinder (??) wann sie heirateten und wann genau Dolf Mohr geboren ist, ist mir leider unbekannt. Alwine Mohr, eine Enkelin, geboren 1868 heiratet am 17.05 1886 in Aplerbeck einen Carl Ludwig Cramer geboren am 11.02.1864 .Eines der Kinder aus dieser Ehe ist Wilhelm Cramer, mein Uropa, geb. 1901 (Beruf: Bergmann und Furmann) der wiederum heiratet meine Uroma Katharina Karoline Elisabeth geb. 1901. Diese kaufen in Schüren einen Cotten, den Petershof.
Geboren wird aus dieser Ehe unter anderem mein Opa Wilhelm August. Dieser arbeitete bei Hoesch war aber auch Fuhrmann und fuhr Kartoffeln aus. Dieser heiratet Ingeborg Wilhelmine und so entsteht mein Vater Wilhelm Heinrich, der heiratet Elke Luise, meine Mutter. Am 1.11.1970 komme ich dann als Ur-Ur-Ur Enkelin des Räuberhauptmannes Adolf Mohr zur Welt.
Ich trage in Fünfter Generation das Räuberblut mit mir.
In wie weit die Geschichten wahr sind, kann ich nicht sagen, da mir die Zeit für Nachforschungen fehlt. Auch würde ich gerne erfahren, woher der Mohr stammte. Aber alles hat seine Zeit…
Um die spannenden Geschichten um den Robin Hood vom Dortmunder Süden aufrecht zu erhalten, biete ich momentan einmal im Jahr (zu Pfingsten) einen Erzählspaziergang durch den Schwerter Wald an. Mehr auf meiner Geschäfts Homepage dazu.
Weiteres bitte erfragen.